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Carpe Diem - oder warum mich die sitzen gebliebenen Schüler nicht loslassen




Neulich habe ich bei Netflix gesehen, dass der Film "Der Club der toten Dichter" bald nicht mehr verfügbar ist. Also habe ich den Film nach vielen Jahren wieder eingeschaltet.

Ich dachte, ich kenne ihn. Früher habe ich ihn geliebt wegen der Poesie, wegen „Carpe Diem“ und wegen dieses rebellischen Geistes. Dieses Mal habe ich ihn mit ganz anderen Augen gesehen. Vielleicht, weil es mir heute weniger um Romantik geht und mehr um Werte, um die eigene Haltung, um Mut und um die Frage, wann wir ihn aufbringen und wie oft eben nicht, obwohl innerlich längst klar ist, was gesagt werden müsste.


Am Ende des Films gibt es diese bekannte Szene: John Keating wird aus dem Klassenzimmer geführt. Die Schüler sitzen an ihren Tischen, einige stehen auf, steigen auf die Tische und sagen: „Oh Captain, my Captain.“


Eine starke Szene, ohne Zweifel.


Trotzdem hat mich dieses Mal etwas anderes mehr bewegt als dieser Moment des Aufstehens. Es waren die Schüler, die sitzen geblieben sind, den Blick gesenkt haben und geschwiegen haben.


Warum mich gerade sie berühren


Ich glaube nicht, dass diese Schüler weniger verstanden oder weniger gefühlt haben. Viel eher scheint mir, dass sie in diesem Moment einfach nicht konnten.

Genau das kenne ich. Diese Situationen, in denen innerlich alles klar ist, in denen man genau weiß, wofür man steht und was man sagen möchte, und trotzdem bleibt man still. Nicht, weil es nichts zu sagen gäbe, sondern weil man spürt, dass Worte etwas auslösen. Ein Satz verändert etwas. Mit dem, was man sagt, zeigt man sich. Und sich zu zeigen heißt, dass andere reagieren können, zustimmend oder ablehnend.

Der Film hat mir in diesem Moment weniger ein Bild von Mut gezeigt als etwas sehr Ehrliches: wie oft wir unsere Wahrheit zurückhalten, obwohl sie längst da ist.


Carpe Diem – anders verstanden


„Carpe Diem“ wird meistens mit „Nutze den Tag“ übersetzt. Für mich hat dieser Satz diesmal eine andere Bedeutung bekommen.

Carpe Diem heißt für mich nicht, jeden Tag besonders zu machen, alles herauszuholen oder möglichst mutig zu wirken. Es heißt vielmehr, das eigene Leben nicht auf später zu verschieben.

Nicht auf den Moment, in dem man sich sicherer fühlt. Nicht auf den Zeitpunkt, an dem man mutiger ist. Und auch nicht auf dieses vage „irgendwann“, das sich so leicht sagen lässt und so oft nie kommt.


Was Schweigen mit uns macht


Was wir nicht sagen, verschwindet nicht einfach. Es bleibt und verändert etwas in uns, ganz leise. Mit jedem Mal, in dem wir unsere Wahrheit zurückhalten, gewöhnen wir uns ein Stück mehr daran, uns selbst zu übergehen. Das geschieht nicht dramatisch, sondern im Stillen. Irgendwann fühlt sich dieses Zurückhalten normal an, fast wie ein Teil der eigenen Persönlichkeit. Genau darin liegt für mich die eigentliche Gefahr. Der Film hat mich daran erinnert, dass BewusstSein nicht nur darin liegt, etwas zu erkennen, sondern auch ehrlich hinzuschauen, wo man sich selbst klein hält.


Haltung im Alltag


Für mich zeigt sich Haltung heute nicht in großen Gesten oder lauten Worten. Sie zeigt sich in kleinen Momenten: darin, ob ich einen Satz ausspreche oder schlucke, ob ich bei mir bleibe oder mich anpasse, ob ich mir selbst glaube oder mir ausweiche.

Haltung heißt für mich, innerlich aufrecht zu bleiben, auch wenn es bequemer wäre, sich kleiner zu machen. Wer so bei sich bleibt, kann nicht verhindern, dass andere das wahrnehmen. Und genau darin liegt die Verletzlichkeit, die viele von uns so gut kennen.

Vielleicht beginnt genau hier das, was wir Carpe Diem nennen können. Nicht im großen Auftritt, sondern in der stillen Entscheidung, sich selbst ernst zu nehmen, auch dann, wenn niemand klatscht.


Am Ende hat mich Der Club der toten Dichter diesmal nicht gefragt, ob ich auf den Tisch gestiegen wäre. Die Frage ging eher dahin, wo ich in meinem eigenen Leben noch warte, obwohl innerlich längst klar ist, was jetzt dran wäre.


Vielleicht ist genau das für mich heute Carpe Diem: mein Leben nicht weiter auf später zu verschieben, sondern mich ihm jetzt zuzuwenden, mit allem, was gerade da ist.


Reflexionsfrage: Wo in meinem Leben verschiebe ich mich selbst noch auf später?


Mantra:


Ich lebe jetzt.

 
 
 

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