top of page

Der zweite Blick



Vor einigen Wochen war ich auf einem Workshop. Gleich zu Beginn sollten wir eine Frage beantworten: Wovor hast du im Moment am meisten Angst?“


Ohne lange nachzudenken schrieb ich auf: Ich habe Angst, im neuen Job nicht zu genügen." Für mich war die Antwort klar.


Im Laufe des Abends zeigte sich jedoch etwas anderes.

Der neue Job war nicht die Ursache meiner Angst. Er hatte nur etwas sichtbar gemacht, das schon viel länger in mir war.


Seit diesem Abend begleitet mich ein Satz von Carl Gustav Jung:


„Solange du das Unbewusste nicht bewusst machst, wird es dein Leben bestimmen, und du wirst es Schicksal nennen.“


Je öfter ich an diesen Satz denke, desto mehr frage ich mich, wie oft uns das im Alltag passiert. Manches ist so unangenehm oder schmerzhaft, dass wir es lieber in einen Koffer packen und in den Keller stellen. Aus den Augen, aus dem Sinn. So glauben wir zumindest.


Gerade lese ich das Buch Das Evangelium nach Jesus Christus von José Saramago. Darin gibt es eine Szene, die mich an genau diesen Gedanken erinnert hat.

Maria möchte sich vor der Abreise noch bei der Hebamme und der Frau bedanken, die ihr nach der Geburt geholfen haben. Josef reagiert verärgert. Dabei macht Maria ihm keinen Vorwurf. Sie spricht nur aus, was ihr wichtig ist. Warum ärgert ihn das so?

Vielleicht, weil ihr Satz etwas in ihm rührt und ihm bewusst wird, dass er selbst nicht daran gedacht hat. Das Thema liegt in diesem Moment nicht bei Maria. Es zeigt sich bei Josef.


Ich glaube, genau das passiert auch uns. Nicht jede Situation trifft uns nur wegen dem, was gerade passiert. Dahinter zeigt sich oft etwas, das schon viel länger da ist.


In meinen Gesprächen erlebe ich genau das immer wieder. Menschen erzählen von einer Situation, die sie gerade beschäftigt. Im Laufe des Gesprächs zeigt sich manchmal, dass es gar nicht nur um das Hier und Jetzt geht. Die Situation hat etwas sichtbar gemacht, das schon viel länger da ist.


Vielleicht ist genau das der zweite Blick. Nicht auf den anderen, sondern auf uns selbst.


Impuls für den August


Wenn dich in den nächsten Tagen etwas besonders beschäftigt, ärgert oder verletzt, halte einen Moment inne und frage dich:


  • Was genau hat mich gerade getroffen?

  • Geht es wirklich um diese Situation?

  • Oder hat sie etwas in mir sichtbar gemacht, das schon viel länger da ist?



Mantra für den August:


Ich habe den Mut, hinter die Situation zu schauen.

 
 
 

Kommentare


bottom of page